Damaskus

Hinweis:

Es empfiehlt sich, die beiden “Damaskus”-Artikel in der Reihenfolge

  • “Damaskus – im Arabischen Frühling…”
  • “Damaskus (im Herbst 2010)”

zu lesen.

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Damaskus (im Herbst 2010)

Meine Hoffnung, dass der Bus ins Zentrum von Damaskus fährt, schwindet schon weit vor der Stadt. Der Fahrer verlässt die Autobahn und nimmt eine Nebenstrecke durch einen Vorort, sofern man diese Lokalität aus aneinander gereihten Autowerkstätten und übereinander getürmten und hoch gestapelten Containern und Schrottbergen als Siedlung bezeichnen kann. Offensichtlich werden hier alle damaszener Autos zerlegt und zusammengeschweißt, repariert, ausgebeult und lackiert. Männer in schmutzigen Overalls, mit ölverschmierten Händen und Gesichtern, hängen lautstark über Motoren und Karosserien. Die Straßen sind Werkstätten; selbst die Imbissbuden sehen wie Werkstätten aus. Die Hauptstraße durch diese Autostadt war wohl mal geteert. Jetzt ist es eine zerfurchte und ausgewaschene Erdpiste, in deren Schlaglöcher ölige Pfützen wabern. Wie muss das hier aussehen wenn es regnet? Mitten in diesem Viertel holt der Bus weit aus und fährt auf den engen Betriebshof seiner Company. Mein Sitznachbar sieht meine fragenden Blicke und antwortet gleich: Ja, das ist Damaskus! So habe ich mir die Stadt der Omaijaden nicht vorgestellt!

Auf dem Hof warten bereits einige hilfsbereite Taxifahrer, die auf solche Kunden wie mich spezialisiert sind. In das Quartier Suq Saroudja? Das Hotel Al Diwan? Selbstverständlich kenn’ ich das! Einer der Taxifahrer will schon mein Gepäck in den Kofferraum hieven. Ich frage aber erst nach dem Preis. Zehn! Zehn Lira? Nein, zehn Dollar! Wie weit ist es? So 10 bis 12 Kilometer; aber um diese Zeit braucht man sehr lange ins Zentrum… bei dem Verkehr!, rechtfertigt der Taxifahrer seinen Wucherpreis. Aber ich will weg, nichts wie weg von diesem Flecken und steige ein.

Der Taxifahrer sieht aus wie ein alter Haudegen. Ein Gesicht wie eine Kriegslandschaft, von Falten zerfurcht und von Narben gezeichnet. Vernarbt auch die zigmal zusammengeschweißte Karosserie; Marke und Modell lassen sich nicht mehr näher bestimmen. Kabel hängen am Armaturenbrett frei herum, brauchen keine Anzeigegeräte mehr mit Strom zu versorgen. Und den Sicherheitsgurt lasse ich sicherheitshalber in der Verankerung hängen.

Nach den ersten paar hundert Metern im damaszener Straßenverkehr bin ich mir nicht mehr so sicher wo sich mein Taxifahrer die Narben im Gesicht zugezogen hat. Ob in einer Schlacht gegen die Israelis oder im Straßenverkehr von Damaskus. Rücksichtslosigkeit und Ellenbogenmentalität  dominieren. Dicht auffahren, die Vorfahrt erzwingen, drängeln, schneiden, bloß keine Lücke lassen, Stoßstange an Stoßstange. Ampelsignale werden nur dann beachtet, wenn zusätzlich ein, zwei Polizisten in der Kreuzung stehen. Durch dieses Chaos steuert der Fahrer sein Taxi und flucht in einem arabischen Dialekt, den ich nur schwer verstehe. Vielleicht ist es aber nur sein ruinöses Gebiss, das mich sein Arabisch so schwer verstehen lässt. Woher ich komme, will er wissen. Als ich ihm sage, dass ich Deutscher bin, strahlt sein Gesicht. Mit den Deutschen verstanden sich die Syrer immer gut. Zuerst mit den Kapitalistischen, später mit den Sozialistischen. Ob West oder Ost ist meinem Taxifahrer egal. Für ihn ist ‚almaniya’, Deutschland, entweder Mercedes oder BMW. Davon träumt der Kriegsveteran, der sich als Taxifahrer mit einem zusammengeflickten Kleinwagen durch den Verkehr von Damaskus kämpfen muss.

Vor den Toren Damaskus’ stehen wir immer wieder im Stau, stecken in einer zäh fließenden Blechlawine, fast ausnahmslos Autos aus europäischer Produktion der letzten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Und die Autos sehen so aus, als wären sie alle schon mehrfach in der Autostadt, der ich gerade entronnen bin, gewesen! Kaum ein Fahrzeug ist ohne Schrammen und Beulen. Aber selbst für diese Autos kommt irgendwann in Syrien das Aus. Die neueren Fahrzeuge kommen aus China oder, wer es sich leisten kann, aus Korea.

Auf dem Weg zu meinem Hotel im Stadtteil Suq Sarouja haben wir einen Boulevard erreicht, eher eine nach sozialistischem Vorbild angelegte Magistrale. Links und rechts großzügig gestaltete Wohnviertel, die an Berlin-Marzahn oder Halle-Neustadt erinnern könnten, wären dazwischen nicht Palmen und großflächige, moderne Werbetafeln in arabischer Schrift oder (immer wieder) das Portrait des Präsidenten Assad. Überhaupt der Präsident: er scheint eine Art Monarch zu sein, der allgegenwärtig ist. Ist Syrien eine absolutistische Monarchie?

Für die rund zehn, zwölf Kilometer hat das Taxi tatsächlich eine Dreiviertelstunde gebraucht. In der den Stadtteil Suq Sarouja südlich begrenzenden Shukri Al-Kuwatli’-Straße ist aber mein Taxifahrer mit seinen Ortskenntnissen am Ende. Er muss Passanten fragen und setzt mich dann schließlich an einer Straßenecke vor einem Hotel ab, von dem er behauptet, es sei das ‚Al-Diwan’. Während ich ihm seine zehn Dollar gebe, versucht er noch ein Folge-geschäft für den nächsten Tag zu arrangieren, eine Stadtrundfahrt zu einem „unschlagbaren Preis“. Ich lehne dankend ab. Das Hotel ist natürlich nicht das ‚Al-Diwan’ und hat auch für einen wie mich kein Zimmer frei (später erfahre ich, dass in diesem Hotel ausschließlich schiitische Pilger nächtigen). Aber der Portier empfiehlt das Hotel gegenüber. So werde ich also während meines Damaskus-Aufenthaltes am Rand des alten Stadtteils Suq Sarouja in postsozialistischem Ambiente wohnen.

Die befahrene Yussef Al-Azmeh-Straße, an der mein Hotel liegt, teilt das alte Quartier Suq Sarouja in zwei Welten: westlich der Straße die moderne Geschäftsstadt mit Banken, Hotels, Boutiquen, Restaurants. Männer in Anzügen, Frauen adrett gekleidet, deutsche Limousinen der Oberklasse (ohne Beulen und Schrammen!), ein Hauch von Noblesse, Business und Boulevard. Von dem alten Damaskus ist hier nichts mehr übrig geblieben. Das Alte musste Neuem weichen. Mehrstöckig, funktional, Beton, Stahl und Glas. Nicht einmal der sonst in arabischen Ländern übliche Tausend-und-eine-Nacht-Manierismus schmückt die Fassaden. Damaskus gibt sich modern, westlich und weltoffen.

Hinter den Blocks auf der östlichen Straßenseite duckt sich das andere Damaskus, das alte Viertel Suq Sarouja. Besser gesagt, jener Teil, den die Abrissbagger noch nicht erreicht haben auf ihrem wohl unaufhaltsamen Weg in die Neuzeit. Kleine Sträßchen führen in das Viertel und in eine andere Welt. Die meist zweistöckigen Häuser sind uralt (ein kleines Hotel wirbt mit der 600jährigen Geschichte des Hauses!) und stehen dicht an dicht; oben scheinen sich die hölzernen Erker zu berühren und verschließen den Blick gen Himmel. Im Erdgeschoss die Läden der Händler und Handwerker. Durch eine Gasse zieht der Duft von frisch gebackenem Brot. Eingeklemmt zwischen den Häusern eine kleine Moschee. Männer stehen davor und debattieren. Frauen in traditioneller Kleidung tragen den Einkauf nach Hause. In den verwinkelten Gassen haben es Autofahrer schwer. Wer hier lebt, hat alles, was er braucht, um sich herum, muss das Viertel nicht verlassen. Manchmal, wenn eine Tür offen steht, wage ich einen heimlichen Blick in einen Hof oder in ein Haus. Gepflegt, sauber und aufgeräumt, das innere steht – wie so oft in solchen Ländern – im Widerspruch zum äußeren Bild mit seinen maroden Strom- und Wasserleitungen, seinem Zerfall.

Vielleicht ist es dieser morbide Charme, diese vermeintlich heile Welt, dieses vordergründig Orientalische, was wir gerne romantisierend überhöhen, was die jungen Rucksacktouristen aus aller Welt in den Suq Sarouja lockt. Das Viertel hat in einigen Gassen etwas Szeniges und erinnert ein wenig an Berlin-Kreuzberg. In den einschlägigen Cafés (natürlich mit „Free W-LAN“) sitzen die jungen Einheimischen und Touristen, das Notebook aufgeklappt, Shisha rauchend, den Drink in der Hand, palavern bis tief in die Nacht hinein. Ein liberaler Geist weht durch die engen Gassen. Die Präsenz der uniformierten und zivilen (geheimen) Polizei scheint nicht größer zu sein als im benachbarten „liberalen“ Jordanien (vielleicht sind die Syrer aber auch einfach nur die besseren „Tarnungskünstler“!). Andererseits finde ich es schon merkwürdig, dass man im Internetcafé Daten aus meinem Reisepass in ein Formular einträgt. Vorschrift! meint der Betreiber etwas verlegen.

In einer Stadt, die bereits existierte als Rom gegründet wurde, hat man ein anderes Verhältnis zur Geschichte und ihrer zeitlichen Dimension. Was bei uns schon als alt gilt, gehört in Damaskus zum Neuen. Mein Weg vom Suq Saroudja an den Barada-Fluss (im Herbst ein dünnes Rinnsal) führt durch die Neustadt, auch wenn die Herberge für arme Mekka-Pilger mit ihrer Kuppelmoschee (Tekkiye Suleijmanije) und die Koranschule (Sulimija Medrese) aus dem 16. Jahrhundert stammen. Richtig jung ist der Kopfbahnhof der Hedschasbahn; sie wurde 1908 fertig gestellt. Die Relikte deutscher Ingenieurskunst liegen allenthalben im Wüstensand zwischen Damaskus und Medina. Oder stehen in Form einer ausrangierten Dampflokomotive vor dem Bahnhof („Arnold Jung, Lokomotivfabrik, Jungenthal bei Kirchen a.d. Sieg“, 1908). Das Bahnhofsinnere: Holz getäfelt, blank polierte Messingbeschläge, Fliesenboden, bunte Glasscheiben. Jeden Moment müssen die Schalter öffnen, die Pilgermassen herein strömen, sich die Hallen und Wandelgänge mit Leben füllen… Doch dieses Bild taucht nur in meiner Phantasie auf, wenn ich im Halbdunkel auf einer der oberen Balustraden stehe, die Augen schließe und der Verkehrslärm von draußen abgemildert nach drinnen dringt. Hier fährt schon lange kein Zug mehr ab. Dort, wo die Gleise und Bahnsteige waren, klaffen langgezogene Gräben. Durch die bunten Glasscheiben sieht das ganze aus wie auf einem stichigen Foto aus der Anfangszeit der Fotografie.

Im Weinlaub berankten Hof eines Cafés an der An-Nassr-Straße eine kurze Rast auf dem Weg in die Altstadt (ich meine die eigentliche, die „alte“ Altstadt von Damaskus). Cafés sind damaszener Treffpunkte. Händler tätigen Geschäfte, alte Männer dösen vor sich hin, traditionell und westlich gekleidete Frauen tratschen, Dominospieler, Shisha-Raucher, junge Kerle auf Kontaktsuche. Unmengen Tee mit Nana (Minze) oder zur Abwechslung mal einen türkischen Kaffee, wie der arabische Mokka immer noch genannt wird.

Die östliche Verlängerung der An-Nassr-Straße führt über den Suq Al-Hamidiyeh direkt in die Altstadt. Dazwischen liegt aber ein großer Platz, den zu überqueren den Mutigen oder Lebensmüden vorbehalten bleibt. Ich nehme den Umweg in Kauf und gehe durch die Unter-führung. Menschenmassen schieben sich treppab und wieder treppauf, vorbei an fliegenden Händlern. Es riecht streng, und als ich oben vor dem Eingang zum Suq Al-Hamidiyeh stehe, bin ich schweißgebadet – und ratlos! Wie soll ich diese Altstadt, diese mehrtausendjährige Geschichte mit all ihren Denkmälern, Dokumenten und Zeugnissen, das Leben und Treiben zwischen den Toren, das Herz von Damaskus erkunden? Soll ich dieses große Areal in Planquadrate einteilen und systematisch durchforsten? Soll ich gezielt die Hauptsehenswürdigkeiten angehen? Oder soll ich mich einfach treiben lassen und es dem Zufall überlassen, wann ich was sehe? Ich setze mich erst einmal in eines der angrenzenden Cafés und trinke Tee. In dem Luftzug der Ventilatoren und der Kulisse aus Tausend-und-einem-Geräusch gleiten meine Gedanken zu Rafik Schami, dem im deutschen Exil lebenden damaszener Schriftsteller. Auf seinen Spuren möchte ich die Altstadt durchstreifen und ein wenig von dem erfahren, was er so einmalig beschreibt.

Gleich neben dem  Eingang in den Suq steht der steinerne Klotz der Zitadelle. Sie ist wegen Bauarbeiten geschlossen. Ich umrunde sie wenigstens einmal, so wie ein Pilger einen heiligen Berg. Seelenheil erhoffe ich mir dadurch nicht, habe allerdings die Erkenntnis, dass Militär-architektur auf der ganzen Welt mit einem Wort zu beschreiben ist: gewaltig!

Eine der zahlreichen Nebengassen führt mich auf Umwegen hinein in den berühmten damaszener Suq. Der ist wie ein großer Fluss mit zahlreichen Nebenflüssen, größeren und kleineren, die alle zusammen ein ökologisches System bilden. Und auch dieser Suq ist solch ein System, ein soziales, ein kulturelles, ein ökonomisches. Es lebt, es pulsiert, hat seine eigenen Gesetz-mäßigkeiten, die zu durchschauen für einen Außenstehenden nahezu unmöglich ist.

Der Suq Al-Hamidiyeh ist die Hauptader, die Hauptstraße dieses Marktlabyrinths. Zwar war mir bekannt, dass der Suq überdacht ist, von der enormen Höhe des Daches, einem Tonnengewölbe, bin ich dann aber doch beeindruckt. Das Tonnengewölbe besteht aus Blech, an dem der Zahn der Zeit (wie an so vielem in Damaskus) nagt. Durch die Löcher im Dach dringt Sonnenlicht und bildet in dem staubigen Innern Lichtkegel, die wie die Bühnenbeleuchtung eines Theaterstückes wirken. Die Handlung des Bühnenstücks ist einfach: Schauen, handeln, feilschen, kaufen. Oder schimpfen und weglaufen. Das Bühnenbild besteht aus feinem damaszener Tuch, edlen Kleidern, glänzendem Goldschmuck, kunstvollem Zierrat, exotischen Gewürzen. Oder einfach nur aus Hausrat und Alltagswaren. Aber alles wohl sortiert. In einer Nebengasse des Suq gibt es nur Schmuck, in einer anderen nur Gewürze, wieder in einer anderen ausschließlich Brautkleider. Von der oberen Etage einer alten Karawanserei (Khan Asaad Pascha al Azem) nahe der Via Recta beobachte ich von einem Fenster in der oberen Etage aus das Marktgeschehen unter mir. Natürlich wird gekauft und verkauft. Mindestens so wichtig wie das eigentliche Geschäft ist aber das kleine Schwätzchen, der Tratsch unter Nachbarn.

Zum Omaijaden-Palast müsste ich nur dem Hauptstrom im Suq folgen, lasse mich aber von dem süßlichen Duft orientalischer Spezereien in die Nebengassen locken. Und stehe unvermittelt im Innenhof einer islamischen Schule (Adiliya-Medrese), in der seit dem beginnenden 13. Jahrhundert junge Muslime unterrichtet werden. Im begrünten Innenhof mit seinen kleinen Brunnen könnte man verweilen. Oder die Texte der alten arabischen Gelehrten lesen und studieren, wenn man sie denn verstünde. Ich begnüge mich mit einem Blick in die offenen Unterrichts- und Bibliotheksräume, die schon vor Jahrhunderten so ausgesehen haben dürften.

Direkt gegenüber ist eines der zahlreichen öffentlichen Bäder (Hammam Al-Malik Al-Zahir). Eine bescheidene Steintafel weist darauf hin, dass hier schon seit 985 n.Chr. gebadet wird. In der Eingangstür wartet ein Bademeister auf Kunden. Als der mich sieht, winkt er mich hinein, führt mich durch die Dampfbäder und serviert mir im prächtigen Ruheraum einen Tee. Eine Szenerie wie in alten orientalischen Märchen.

Draußen schließe ich mich einer von einem Imam angeführten schiitischen Pilgergruppe an, von der ich annehme, dass sie zur Omaijaden-Moschee zieht. Im mehrheitlich sunnitischen Syrien liegen – vor allem in Damaskus – zahlreiche schiitische Pilgerstätten, zumeist Grabstätten der Angehörigen und Gefolgsleute des Propheten Mohammed. Im Stadtbild von Damaskus fallen die Schiiten durch ihre Kleidung sofort auf: Die Frauen in der schwarzen Burka mit grünen Tüchern oder Bändern an Handgelenken und Ärmeln, die Imame mit hellem Gewand und Turban, so wie man sie von den Ayatollahs aus dem Iran kennt. Die Pilgerschar ist aber auf dem Weg zur Rukkayya-Moschee, einem schiitischen Heiligtum. In den engen und dunklen Gassen um die Moschee herum herrscht eine eigenartige Stimmung, in der ich mich nicht ganz wohl fühle. Was will der westlich gekleidete Ungläubige hier bei uns? Ich störe und schleiche mich durch eine Gasse davon, bis die Stimmen der Imame und das Lamento der Frauen nicht mehr zu hören ist.

Dass ausgerechnet ein deutscher Kaiser (Wilhelm II.) für den gegen die Kreuzfahrer so erfolgreich kämpfenden arabischen Heerführer Saladin einen pompösen Marmorsarkophag spendierte, gehört zu den Kuriositäten der Geschichte (aber wenn es um Macht und Einfluss geht, darf man schon mal über Religionsunterschiede hinwegsehen). Die Osmanen, in deren Herrschaftsbereich Damaskus (und ganz Syrien) damals lag, wussten die Geste zu würdigen (siehe z.B. den Bau der Hedschasbahn).

Touristengruppen betreten die Omaijaden-Moschee meist von der nördlichen Mauerseite her und gelangen zwangsläufig zuerst an das Grab Sultan Saladins, bevor sie den eigentlichen Moschee-Bereich betreten. Wenn die Omaijaden während ihres knapp hundertjährigen Kalifats ein bleibendes Baudenkmal geschaffen haben, dann ist es zweifelsohne diese Moschee, ein Juwel in Damaskus, in Syrien, im Nahen Osten (wie bescheiden nehmen sich da doch die anderen Omaijaden-Bauwerke z.B. in Jordanien aus). Im Inneren der Moschee steht der Marmorschrein  mit dem Haupt Johannes des Täufers. Man stelle sich vor: Ein Jude tauft den Stifter des Christentums und findet in einer islamischen Moschee seine letzte Ruhestätte! Ob einer von den sunnitischen, schiitischen, christlichen (vielleicht auch jüdischen?) Pilgern und Besuchern weiß, welch ungeheure Symbolkraft diese Omaijaden-Moschee hat? Draußen vor den Toren gehen die kleinen und großen Religionskriege weiter.

Nach all den staunenden Besuchermassen und den sich im Gebetslärm übertrumpfenden Pilgerscharen umfängt einen in den Gassen hinter der Omaijaden-Moschee eine fast andächtige Stille. Hier ist die Altstadt der Damaszener. Hier spielen die kleinen Geschichten eines Rafik Schami. Die Quartiere Al-Qaimariyeh und Al-Kharab oder die südlicheren Mazanet Ash-Shahim und Al-Amim können nicht mit architektonischen Superlativen, geschichtsträchtigen Einrichtungen oder einem weitläufigen Suq aufwarten. Lediglich ein paar prachtvolle Bürgerhäuser zeugen von dem Glanz aus alten Tagen, als Damaskus am Schnittpunkt der alten Handelsstraßen lag. Ansonsten Zerfall. Marode Bausubstanz. Manchmal schaue ich nach oben und ducke mich, weil der schiefe Kandel oder die lose Holzverkleidung am Erker sich jeden Moment lösen könnte. Die Leute hier leben damit, flicken das Reparierte und haben sich scheinbar mit dem baulichen Notstand arrangiert. Erstaunlich (oder bezeichnend?), dass sich in diesem Zerfall Künstler ansiedeln. In einer Gasse in der Nähe des Stadttores Bab As-Salam haben einige Maler ihre Ateliers eingerichtet. Vieles wirkt improvisiert, zusammengesammelt, notdürftig. Bei einer muslimischen Künstlerin, deren fundamentalistisches Äußeres so gar nicht zu ihren Bildern passen will, sehe ich mich um, blättere in ihren Mappen und kaufe ein kleines Aquarell mit zwei tanzenden Derwischen. Das Gespräch über Kunst und Künstler in Damaskus, das ich mit ihr beginne, will nicht so recht in die Gänge kommen und endet mit dem Austausch von E-Mail-Adressen.

Gäbe es in der Altstadt von Damaskus so etwas wie einen Mittelpunkt, läge er ungefähr da, wo das Relikt eines römischen Torbogens das Zentrum eines Platzes bildet und die Via Recta in die Bab Sharqi-Straße übergeht, die dicht befahrene, enge und laute Geschäftsstraße. An diesem Platz zweigt eine Straße in nördliche und eine in südliche Richtung ab. Diese Nord-Süd-Achse kommt mir vor wie eine unsichtbare Grenze zwischen zwei unterschiedlichen arabischen Welten: Hinter der „Grenze“ – also östlich – liegen die beiden Quartiere Al-Haret Al-Yahoud und Bab Touma, die historischen Viertel der Juden und Christen.

Auf Spurensuche. Leben hier noch jüdische Damaszener, bilden sie eine jüdische Gemeinde? Beim Gang durch die verwinkelten Gassen entdecke ich keine speziellen Läden mit koscheren Waren, keine Männer mit einer Kippa, der jüdischen Kopfbedeckung, keine Synagoge, kein Haus und keine Tür mit Zeichen und Symbolen, die auf jüdische Bewohner hinweisen. Vielleicht leben sie versteckter, in anderen Stadtteilen von Damaskus oder in anderen Städten des Landes. Vielleicht leben hier aber gar keine Juden mehr, die Alten gestorben, die Jungen ausgewandert. Denn wer lebt schon gerne bei seinem Erzfeind? Trotzdem sieht Al-Haret Al-Yahoud anders aus als die anderen Viertel in der Altstadt. Der Verfall wurde aufgehalten, die Häuser sind in einem besseren Zustand, Wein rankt sich an den Hausfassaden hoch und bildet dort, wo sich zwei Gassen kreuzen, kleine, Schatten spendende Baldachine. Da es im benachbarten Christenviertel Bab Touma ähnlich aussieht, nehme ich an, dass im jüdischen Viertel jetzt Christen wohnen. Doch das sind Vermutungen. Ich habe in den Gassen oder Cafés auch niemanden getroffen, der mir darüber näheres sagen konnte (oder wollte?).

In Bab Touma trifft man sie wieder, die Touristen und Pilger, die christlichen. Sie sind nicht quer durch das Gassenlabyrinth gelaufen, sondern haben sich im Reisebus bis an das Tor Bab Touma oder Bab Ash-Sharqi fahren lassen. Denn hier im Christenviertel hat die Geschichte des jungen Christentums eine vielleicht entscheidende Wendung genommen. Hier wurde Saulus zum Paulus, hier wurde er vor den (jüdischen) Verfolgern versteckt und nachts in einem Korb von der Stadtmauer herab gelassen. Wie wäre die Geschichte des Christentums verlaufen, hätte man Paulus in Damaskus gefasst und hingerichtet? Spekulationen!

Auch arabische Christen sind als erstes Araber, mit einem ausgeprägten Sinn fürs Handeln und Geschäfte machen. Sie haben Bab Touma zu einem noblen Viertel herausgeputzt. Kleine aber vornehme Hotels und Restaurants, Cafés und Bars, Läden mit bekannten Pariser Mode- und Kosmetikmarken. Der junge Verkäufer in einem kleinen Geschäft mit damaszener Stoffen schwört mir in die Hand, dass der Schal, den ich kaufe, aus bestem damaszener Tuch gewebt ist. Später sehe ich zufällig, dass der Schal (wie wahrscheinlich der größte Teil der damaszener Stoffe) aus Indien kommt. Seine Hand möge abfallen!

Hat das Viertel Suq Saroudja, in dem mein Hotel liegt, schon etwas Szeniges, dann ist Bab Touma richtig „hip“, Treffpunkt der wohlhabenderen, jungen Leute aus Damaskus und der ganzen Welt. In den Cafés hört man westliche Musik, liest europäische Zeitschriften. Der aufgeklappte Mac verbindet mit den social networks, das Leben ist virtuell. Ich staune, dass in einem muslimischen Land die jungen Mädchen so freizügig gekleidet herum laufen. Ob das nicht provoziert?

Wieder im muslimischen Damaskus. Südwestlich der Stadtmauer, einen kleinen Fußmarsch entfernt, liegt der Friedhof Bab As-Saghir. Das Häuschen des Friedhofwärters steht offen, aber weit und breit ist niemand zu sehen. Ich laufe ungestört zwischen den Grabreihen umher und versuche die Inschriften auf den senkrecht stehenden Steinplatten zu lesen. Aus diesem Steinplattengewirr ragen die grünen Kuppeln von Mausoleen heraus, in denen die Gebeine von Sakayna und Fatima liegen. Pilgerstätten. Schiitische. Stimmen betender Frauen. In respektvollem Abstand verfolge ich das Treiben der schiitischen Pilger. Aus der Pilgergruppe kommt ein Mann zu mir gelaufen, will wissen, ob ich ein Schreiber (er meint wohl Journalist) sei. Als ich verneine und erkläre, dass ich mich für die Religion des Islam und die heiligen Stätten der Schiiten interessiere, hellt sich seine Miene auf. Mit einer einladenden Handbewegung führt er mich durch die Pilgerschar schwarz gekleideter Frauen bis an die Tür des Mausoleums mit dem Schrein Fatimas.

Von den Pilgern lebte einst das westlich des Friedhofs liegende Viertel Al-Midan, das an der alten Pilgerstraße nach Mekka liegt. Die modernen Mekka-Pilger reisen mit dem Flugzeug, nehmen nicht mehr den beschwerlichen und gefährlichen wochenlangen Marsch durch un-wirtliche Gegenden auf sich. Von dem Reichtum, dem Glanz und der Pracht dieser alten Tage zeugen noch einige weltliche und sakrale Gebäude in dem Viertel. Oder besser: aus dem Wenigen, was noch nicht zerfallen ist, lässt sich auf eine wohl bessere Vergangenheit rückschließen. Aus Handwerksstätten, dunkle, verrußte Löcher, dringen Hammerschläge. In Al-Midan werden die für arabische Länder typischen Kaffeekannen und anderes Geschirr aus Messingblech hergestellt (wenigstens diese kommen nicht aus Indien oder Fernost). Die schiitischen Pilger, die die benachbarten Mausoleen besuchen, kehren in Al-Midan nicht mehr ein. Sie ziehen weiter in den Süden von Damaskus, wo in der wohl prächtigsten Moschee das Grab der Mohammed-Enkelin Saijida Zainab zu finden ist.

Ich nehme mal wieder eines der schrottreifen Taxis, um in den Vorort As-Sayidah Zeinab-Sweida zu gelangen. Der Taxifahrer ist unfreundlich, mürrisch, obwohl ich garantiert einen überhöhten Preis zahle. Wahrscheinlich ist er Sunnit und hat kein Verständnis dafür, dass ich eine schiitische Moschee besuchen will. Die Moschee mit dem Grab der Saijida Zainab übertrifft meine Erwartungen. Eine verschwenderische Pracht, wie ich sie am Rande von Damaskus inmitten eines grauen Vorortes nicht erwartet habe. Ein Neubau im persischen Stil mit einer Goldkuppel, bunten Fayencen mit floraler Ornamentik oder kunstvollen Kaligraphien. Das eigentliche Mausoleum der Zeinab erstrahlt in Silber und blendet in der einfallenden Sonne. In dem kleinen Raum stehen die Männer und Frauen dicht gedrängt, beten und küssen den Schrein, die Tücher, Türen und Wände. Draußen, im weiträumigen Innenhof, sitzen im Schatten der Arkaden kleinere und größere Pilgergruppen. Die Männer und schwarz verhüllten Frauen haben sich um einen Vorbeter oder Imam geschart, mit dem sie beten und singen. Manche der Vorbeter beten und singen sich voller Innbrust bis in den Trancezustand. Die Gläubigen gehen mit, wiegen ihre Oberkörper im Rhythmus der rezitierten Verse und weinen und schluchzen.

Zwischen den Pilgern rennt ein kleiner Junge herum. Bewaffnet mit einem Plastikmaschinen-gewehr und geschulterten Munitionsgurten duckt er sich hinter Säulen und pirscht sich in Gotteskriegermanier an einen imaginären Feind heran. Zur Freude der Eltern und anderer Pilger! Nicht nur die zahllosen fliegenden Händler draußen vor der Moschee verkaufen (auch solche) Souvenirs. Ganze Straßenzüge in diesem Viertel leben von den Tausenden von schiitischen Pilgern, die jährlich hierher kommen. Der Inhaber eines kleinen Cafés erzählt mir einiges über die jahrelange Bauzeit der Moschee, die Iraner, die das Bauwerk finanzierten und über die religiösen Eigenheiten der Schiiten, für die er als Sunnit nichts übrig hat (trotzdem nimmt er das Geld für den Tee auch von einem Schiiten).

Fährt man von Süden kommend auf Damaskus zu, erliegt man einer optischen Täuschung. Entlang des Jebel Qasiyun, die natürliche Begrenzung Damaskus im Norden, zieht sich ein Häuserband von solcher Größe, dass man für einen Augenblick glaubt, ganz Damaskus klebe am Berg, sei eine Bergstadt. Dem ist nicht so. Die Häuser am Berg gehören zu Vororten, die allerdings eine ebenso bewegte Geschichte haben wie das Damaskus in der Ebene.

Glaubt man der Legende, so hat Kain am Fuße des Jebel Qasiyun seinen Bruder Abel erschlagen. Kein gutes Omen für die weitere Besiedlung, die man bereits im 13. Jahrhundert aus Platzgründen voran trieb und die vier Jahrhunderte später ihren Höhepunkt erreichte. Allerdings wurden die unbefestigten Vororte von den Mongolen heimgesucht und stark zerstört. Aufständische Nester müssen es außerdem gewesen sein, denn hier begannen die Aufstände gegen die Mameluken und Osmanen. Die machten kurzen Prozess und zerstörten und entvölkerten die Siedlungen am Berghang. Erst im 19. Jahrhundert wurden die Vorstädte wieder besiedelt. Dass nach so viel Zerstörung mehr als einhundert Baudenkmäler in dem bedeutenden Vorort Salihiya stehen sollen, verblüfft dann doch. Aber mich reizen ja nicht nur die Baudenkmäler!

Am Freitagmorgen (Freitag ist der „islamische Sonntag“) ist es selbst in der Straße meines Hotels noch relativ ruhig. Da der offizielle Stadtplan von Damaskus wenig informativ ist und die Pläne in den Reiseführern die Außenbezirke ausklammern, verlasse ich mich auf meinen Orientierungssinn und Instinkt und laufe einfach von der Yussef Al-Azmeh-Straße in nördliche Richtung. Im Morgendunst baut sich die Häuserfront am Berg wie eine bedrohliche Mauer auf, so, als wolle sie den Besucher abschrecken. Durch zahlreiche enge und steile Gassen (und Irrwege) führt mich der Weg schließlich in die Hauptstraße von Salihiya. Hier sind keine Baudenkmäler oder andere Sehenswürdigkeiten mehr ausgeschildert, hierher verirrt sich kaum ein Tourist oder Pilger. Hier sind die Menschen unter sich. Nach der geschäftigen Neustadt und der touristisch-historischen Altstadt unten, noch einmal ein ganz anderes Damaskus-Erleben. Meine Fragen nach dem einen oder anderen Baudenkmal werden oft falsch  (aus Höflichkeit) oder kopfschüttelnd mit Verweis auf den nächsten Passanten oder den Krämerladen an der Ecke beantwortet. Manches entdecke ich durch Zufall, vieles gar nicht. Aber ich habe Glück: Freitags ist der große Wochenmarkt im Viertel und der entschädigt allemal für nicht gesehene alte Moscheen, Koranschulen, Hospitäler. Von Salihiya aus führt eine Straße zu einem Aussichtspunkt auf dem Jebel Qasiyun die an dem Präsidentenpalast vorbeiführen soll. Auf einen Präsidentenpalast habe ich aber jetzt keine besondere Lust.

 Was mich wundert, ist, dass es in Damaskus kaum Erinnerungen an die französische Mandatszeit gibt. Mit Französisch komme ich nicht sehr weit (die Jüngeren sprechen eher Englisch), die zweisprachigen Straßenschilder (Französisch – Arabisch) sind fast ganz aus dem Stadtbild verschwunden. Und selbst in dem rollenden Automuseum Damaskus fehlen die alten Modelle von Peugeot und Renault. Nur der Busbahnhof, von dem aus ich morgen nach Beirut weiterfahre, heißt „Garage“ (Somariyeh).

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Damaskus – im Arabischen Frühling (der vielleicht ein tiefer Winter wird)

Eine Städte-Trilogie wollte ich schreiben. Einen Reisebericht über die Nahost-Städte Amman, Damaskus und Beirut. Das war im Herbst vergangenen Jahres. Dann kam mitten im Winter der arabische Frühling. Was in Tunesien begann, setzte sich in Ägypten und einigen Golf-Staaten fort, bevor es auch den Nahen Osten erreichte. Die Unruhen in Jordanien hielten sich in Grenzen, der innere Frieden war – zumindest nach außen – schnell wieder hergestellt (die Uhren gehen in Jordanien etwas anders). Im von Bürgerkriegen zermürbten Libanon hatte in einer Phase der relativen Ruhe und des vorsichtigen Aufbruchs keiner ein echtes Interesse an neuerlichen Unruhen, gar einer Revolution (zumal es in Teilen des Libanon immer noch erhebliche Spannungen gibt). Und Syrien? Zuerst schien es so, als würden die Proteste und Unruhen in der arabischen Welt an diesem Land vorbei ziehen. Die Festung Bashar Al-Assad stand wie ein Fels in der Brandung. Doch dann, im Februar/März, gingen auch in Syrien die Menschen auf die Straße. Für die Medien bei uns im Westen war es einfach eine konsequente Fortsetzung dessen, was in Tunesien und Ägypten begann und jetzt auf Syrien überschwappte: Der jahrzehntelangen Herrschaft des Assad-Clans und seiner Baath-Partei überdrüssig, erhoben die Syrer ihre Stimmen und forderten auch Freiheit und Demokratie. So schien es. Die schnelle und friedliche Revolution fand aber nicht statt. Die Fragen nach dem Warum?

Jeder medienpräsente Nahost-Experte hat seine eigene Erklärung. Der eine betrachtet die inneren Strukturen mit der Einheitspartei, ihrer Klientel-Politik und ihrer Verzahnung mit Polizei, Geheimpolizei und Militär. Ein anderer meint, durch die Öleinnahmen und eine halbwegs funktionierende Wirtschaft ginge es den Syrern nicht so schlecht, als dass sie wegen Brotpreisen auf die Barrikaden gingen. Der Nächste sagt, der Konflikt sei eher ein religiöser zwischen den (mehrheitlichen) Sunniten und Schiiten und von daher auch eher lokal begrenzt. Die schiitischen Alawiten und ihr Qardaha-Clan – aus dem die Assads stammen – und die fundamentalistischen, sunnitischen Salafisten spielen da eine Rolle. In der Tat ist es auffällig, dass die Unruhen nicht in Damaskus sondern in der Provinz, dort, wo die religiösen Gruppen sehr viel stärker polarisieren als in der vergleichsweise liberalen Hauptstadt, ausbrachen. Und dann gibt es in dem ethnischen und religiösen Flickenteppich Syrien ja auch noch die Christen, Drusen, Armenier, Aramäer, Palästinenser, Kurden und andere.

Als die Unruhen in einigen Provinzorten ausbrachen, waren die Syrer offensichtlich so überrascht wie unvorbereitet. In einer deutschen Zeitung wurde gar der Verdacht geäußert, die Unruhen seien von außen gesteuert. Große Mengen an Laptops und Mobiltelefonen (Handys) seien nach Syrien geschleust worden, um eine facebook-Revolution nach tunesischem und ägyptischem Vorbild anzuzetteln. Wenn es so war, ging die Kalkulation gehörig daneben. Andererseits würde es mich wundern, wenn die westlichen Geheimdienste – allen voran der der USA – ihre Finger nicht im Spiel gehabt hätten bzw. noch haben. Syrien galt unter der Bush-Regierung als Schurkenstaat und Terroristennest, das es auszuheben galt. Vielleicht baute der Westen (und seine Geheimdienste) zu sehr auf die Kraft und Eigendynamik des arabischen Frühlings und glaubte, in Syrien liefe das von selbst. Dies war zweifelsohne eine Fehleinschätzung, begründet – wieder einmal – in der Unkenntnis der Verhältnisse vor Ort, was vor allem auf die USA zutrifft (siehe Afghanistan, Irak…).

Und nun? Die Situation in Syrien ist verfahren. Das Assad-Regime glaubte, die Unruhen mit Waffengewalt im Keim ersticken zu können. Aus wenigen Toten wurden mittlerweile Tausende. Die Syrer wachen allmählich auf, der Hass auf das Regime wächst, der Protest geht in die Breite. Das Land wurde mit Sanktionen belegt und ist isoliert; nun hat sich auch die Arabische Liga von ihm abgewandt. Assad kann nicht mehr einfach zur Tagesordnung übergehen. Das erinnert fatal an Libyen. Auch dort „kämpfte“ ein Gaddafi bis zum tödlichen Ende; musste die Nato Flugverbotszonen zum Schutz der Zivilbevölkerung einrichten und überwachen, mussten Teile Libyens in Schutt und Asche geschossen und bombardiert werden. Ein Schreckensszenario für Syrien? Ein Staatsmann kann auch durch die Art seines Abgangs Größe beweisen. Einem Assad traue ich das nicht zu!

Im Herbst 2010 reiste ich nach Damaskus. Von den Ereignissen, die vier, fünf Monate später losbrechen sollten, spürte ich nichts. Vielleicht war ich in die Schönheit dieser Stadt zu verliebt (und daher blind); habe den Gesprächen in den Cafés nicht richtig gelauscht; in dem korrekt gekleideten Herrn in meinem Hotel einfach nur einen freundlichen „Geschäftsmann“ gesehen (dabei war er bestimmt vom Geheimdienst). Ich glaube aber einfach, dass zu diesem Zeitpunkt ein „Arabischer Frühling“ bei den Damaszenern außerhalb jeglicher Vorstellung lag (wer dachte im Sommer 1989 in Berlin an den Fall der Mauer?).

Wenn ich jetzt meine Fotos von Damaskus anschaue und mir vorstelle, dass in den Vierteln, die ich besuchte, auf Demonstranten geschossen wurde und wird, auf Plätzen, über die ich lief, Tote lagen, dass in den Gassen der Staatsterror wütet und eines Nachts womöglich Nato-Flugzeuge diese Stadt bombardieren, schnürt es mir das Herz zu.

Von meiner Städte-Trilogie habe ich nach langem Zögern den Teil über Damaskus vollendet. Er passt so gar nicht zur jüngsten Entwicklung in Syrien. Es ist aber eine Liebeserklärung an diese Stadt und ihre Menschen. Und sie möchte ich wiedersehen. Deshalb steht „Damaskus im Herbst 2010“ jetzt (leicht gekürzt) im Netz.

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